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13.10.15

Atemlose Excursion in einem ungewöhnlichen Flugzeug

 

Kas, Türkei. Selten hatte ich einen Grund, mich so wohl in einem Flugzeug zu fühlen. Mein Blick richtet sich aus dem Fenster der DC3 – einer alten Propellermaschine – und eröffnet mir einen herrlichen Blick in das grenzenlos wirkende Blau. Ich garantiere, dass hier niemand Flugangst hat oder sich über Fluglärm, mangelnde Beinfreiheit oder die „schlechte Luft“ beschweren wird. Ich richte meinen Blick wieder nach vorne, Richtung Cockpit, auf das ich mich langsam aber sicher zubewege. Die Kabine bietet ungewöhnlich viel Platz, zumindest bis zu dem schmalen Gang, der zum Cockpit führt.

 

 

 

 

 

 

Im Cockpit angekommen genieße ich die Sicht nach vorne heraus, die meistens nur Piloten gewährt wird. Doch Piloten sind keine anwesend, so dass ich unproblematisch über den linken Pilotensitz herschweben, mich aus dem Fenster schieben und aus ca. 18 Metern Tiefe wieder aufsteigen kann.

Auf dem Weg nach oben begleitet und sichert mich mein Tauchpartner, der ebenfalls mit angehaltenem Atem - also apnoe – taucht. Kaum habe ich die Oberfläche durchbrochen, atme ich aus und tief wieder ein. Während mein Sicherungspartner mich beobachtet, kann er auch die Zufriedenheit in meinem Gesicht ablesen. Ich freue mich über diesen schönen und entspannenden Tauchgang.

Ich befinde mich im Mittelmeer kurz vor der kleinen Stadt Kas in der Türkei, gut drei Stunden entfernt von Antalya. Gemeinsam mit zehn weiteren Teilnehmern – vom absoluten Anfänger bis zum langjährigen Apnoeisten –  nehme ich an einem Apnoetauch-Workshop des VDST teil. Dabei werden wir von drei erfahrenden Ausbildern begleitet. Fünf Tage lang beginnt unser Morgen mit einer freiwilligen Yoga-Einheit, was eine gute Vorbereitung für die späteren Tauchgänge ist. Denn Yoga hilft, den Körper, insbesondere den Brustkorb, zu dehnen, die richtige Atmung zu nutzen und zu entspannen. Nach einem gesunden, leckeren Frühstück fahren wir täglich mit dem Boot aufs Meer hinaus und steuern meist zwei Tauchplätze an.

Einer davon ist die DC3 aus dem einleitend beschriebenen Tauchgang, welche vor Jahren als Tauchattraktion versenkt wurde und auf ca. 23 bis 26 Metern Tiefe liegt. Für Apnoeisten ist es möglich, auch das schmale Cockpit zu betauchen. Ein Highlight des Tauchplatzes ist daher ein Tauchgang, bei dem man beim Heck des Fliegers auf ca. 23 Metern in die fast leere Kabine einsteigt, durch das Flugzeug taucht und den Ausstieg durch eines der Cockpitfenster vornimmt. Wie alle Tauchplätze bietet aber auch die DC3 viele weitere Möglichkeiten für kürzere und dennoch spannende Erkundungstauchgänge. Insbesondere Einsteiger sind immer wieder fasziniert, wenn sie tatsächlich ins Cockpit schauen können oder sogar von einem Fenster zum anderen hindurchtauchen.

Spielerisch geht es weiter am Tauchplatz „Canyon“. Ich stehe in drei Metern Wassertiefe direkt an einer Steilwand. Bis auf 22 Meter Tiefe fällt die Wand herab. Von diesem Rand springe ich ab und lasse mich kopfüber nach unten treiben. Während ich im Canyon „falle“, kann ich die Steilwand gegenüber und auch den Grund beobachten. Überall sind kleine Fischschwärme, die sich kaum von meinem Fall beeindruckt zeigen. Mein Sprung wird von einem weiteren Freitaucher gefilmt.

 

Wenn alles gut gelaufen ist, wirkt der Sprung im Video, wie ein Base-Jump oder Bunjee-Sprung in Slow-Motion – nur eben Unterwasser. Persönliche Leistungen geben natürlich auch im Apnoetauchen einen gewissen Reiz. Es geht hier aber vor allem um Spaß und ein gutes Gefühl. Wenn die Ruhe der Unterwasserwelt auf mich wirkt, fühle ich mich einfach wohl. Gleich nebenan gibt es in 18 Metern Tiefe einen kleinen Höhleneingang. Kaum blicke ich in die Höhle, die kaminartig nach oben führt, sehe ich auch schon dass Licht des Ausgangs von oben herabscheinen. Ich tauche nach oben durch den in ca. 14 Metern Tiefe liegenden Ausgang und werde hier bereits durch meinen Tauchpartner abgeholt und nach oben begleitet.

An anderen Tauchplätzen gibt es viel zu erkunden. Von oben ist nicht immer einsehbar, welche Felsen und Überhänge sich zum drunter durchtauchen eignen. So tauchen wir viele Male ab, um die Gegend zu erforschen. Die Ausbilder kennen die meisten Plätze und zeigen uns Dinge, die wir übersehen. Außergewöhnlich ist immer wieder das Betauchen von Höhlen, von denen es in Kas einige gibt. Mit meiner Gruppe tauche ich durch einen kleinen Höhleneingang in Ufernähe. Kurze Zeit später tauchen wir in der Höhle wieder auf. Ein solcher Tauchgang bietet Abwechslung und Spannung. Von außen betrachtet sind wir nun innerhalb der Felswand des Uferabschnitts. Hier drinnen ist es recht düster, aber wir benötigen keine Lampen, um uns und alles um uns herum sehen zu können. Vor allem aber der Blick aus der Höhle nach draußen ist atemberaubend. Durch den unter Wasser liegenden Eingang scheint türkisblaues Licht empor. Der Tauchgang, der mich schließlich zurück ins Freie führt, ist aufgrund dieses Farbspiels besonders schön.

Für uns Apnoeisten ein Traum: Seit Kurzem  gibt es eine große Anzahl an Schildkröten in der Region. Wir wurden an nahezu jedem Tauchplatz von Ihnen begleitet – oder sie von uns. Diese friedlichen Tiere tauchen ebenfalls mit angehaltenem Atem, wenn auch viel länger und zugegebenermaßen auch etwas eleganter. Der Anblick der Reptilien fasziniert und mir scheint als würde mir niemals langweilig, während wir die Schildkröten begleiten. Viele Schildkröten fühlen sich scheinbar vollkommen ungestört und lassen sich über Minuten hinweg in geringer Wassertiefe beobachten. Ein Tier haben wir beim Fressen auf dem 5 Meter tiefen Grund beobachtet, bis es zum Atmen auftauchte.

 

 

Auch anschließend konnten wir nebenher schwimmen oder in geringer Tiefe tauchen. In einem solchen Fall wird der Tauchgang nur durch die geplante Abfahrt des Schiffs unterbrochen oder falls die Schildkröte sich doch entschließt mit einigen kräftigen Flossenschlägen im Blauwasser zu verschwinden.

Neben all den geplanten Tauchgängen gab es auch ungewöhnliche Szenen. Eine verlorene Gopro sorgte für die atemloseste Suche, die ich seit langem gesehen hatte.. Noch ungewöhnlicher begann eines Morgens unser Tag, als ein Katamaran die Ausfahrt aus dem Hafenbecken blockierte. Der Anker des anderen Schiffes hatte sich am Grund zwischen den Felsen verfangen – mitten im Hafen. So fand der erste Tauchgang noch vor Ort statt und nach wenigen Abstiegen lag der Anker wieder frei.

Neben all den großen Momenten, die wir Unterwasser erleben durften, sei auch das malerische Kas selbst erwähnt. Diese kleine Hafenstadt bietet die perfekte Urlaubsatmosphäre. Entlang des Gebirges schlängeln sich die kleinen Gässchen der Stadt. Optisch scheint hier alles zusammenzupassen, wenngleich jedes Haus, jedes Restaurant und jedes Geschäft seinen ganz individuellen Charme ausstrahlt. In kleiner oder großer Runde genießen wir unsere Abende in einem der vielen Restaurants, die in der Regel hervorragende türkische Küche bieten. Auch wenn Kas vom zumeist türkischen aber auch internationalen Tourismus lebt, so ist diese Stadt beschaulich und liebenswert geblieben. Straßenverkäufer bieten schweigend Ihre Waren an und einige Geschäfte bieten wahre Kunstwerke aus Holz, Silber oder bemaltem Porzelan an.

Die Woche verging wie im Flug, doch eine Fülle von einmaligen Erinnerungen bleibt. Die Rückkehr nach Kas in einem der folgenden Jahre ist für die meisten mehr als wahrscheinlich.

 

Fotos Curt Teichgräber, Heike Schwerdtner, Maike Münster

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