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06.07.10

Kegelrobben im Nebel

 

Auf Helgoland sind deutschlands größte Raubtiere, die immer häufiger in der südlichen Nord- und Ostsee vorkommen, kein seltener Anblick mehr. Viele Gäste bewundern die Tierwelt mit Fotoapparat oder Fernglas, meist mit gebührendem Abstand.

Gut angekommen mit sonnigen Wetteraussichten schipperten wir am Morgen des zweiten Tages zur Düne, der Badeinsel von Helgoland. Die verantwortlichen Apnoetauchlehrer änderten den ursprünglichen Plan aufgrund der unerwartet schlechten Wetterlage. Nebel und kalter NW-Wind hatte sich auf Helgoland durchgesetzt. Die Nordsee hatte noch keinen Platz für den Frühling in diesem Jahr. Trotz der niedrigen Temperaturen versuchten wir am windgeschützten Südstrand mit der dortigen Seehundkolonie und einigen Kegelrobben im Wasser Kontakt aufzunehmen. Kaum waren wir Taucher im kühlen Nass, da robbte – im wahrsten Sinne des Wortes – von Neugier getrieben fast die gesamt Kolonie vom Strand ins Wasser. Wenn auch anfänglich sehr scheu, umkreisten sie die Taucher immer dichter.

Der Name Robbe sagt eigentlich schon alles. An Land sind sie sehr unbeholfen. Denn ihre Beinflossen, die starr nach hinten gerichtet sind, eignen sich kaum als Fortbewegungsmittel an Land. Im Wasser hingegen wirken ihre Beinflossen wie ein Jet-Antrieb und ihr Hinterteil mit den kräftigen Seitwärtsbewegungen wie ein Hochleistungsmotor. Mit ihrem sehr glatten, kurzen Fell und der Stromlinienform erreichen die Kegelrobben bis zu 35 Stundenkilometer unter Wasser. So können sie schnell bis in Tiefen von 150 Metern vorstoßen, wo sie sich auch schon mal einen größeren Tintenfisch schnappen. Gegen das kalte Wasser des Nordostatlantiks schützen sich Kegelrobben durch einen dicken "Tauchanzug" aus Blubber. Eine Fettschicht unter ihrer Haut, die gut isoliert und zusätzlich auch Energie liefert.

Am Nachmittag wanderten wir – dem Wetter trotzend – in unseren Tauchanzügen dann doch zum Nordstrand, dem Lieblingsplatz der Kegelrobben. Erneut stiegen wir dort in das kalte Nass zum zweiten Abenteuer. Eine leichte aber kalte (10°C) SO-Strömung versetzte uns etwas, was der erwartungsvollen Spannung nur noch einen weiteren Kick gab.

Und wirklich, nach der inzwischen bekannten, anfänglichen Scheu kamen die schwarzen Köpfe der Robben sehr viel dichter als die Seehunde vom Südstrand. Darauf hatten wir gehofft und trotz Nebel und schlechten Sichtverhältnissen gelangen endlich die heiß ersehnten Fotos.

Andreas, ein Tauchkamerad aus Hamburg kam als Nachreisender gerade noch rechtzeitig zu unserem „Schnorchelspaziergang“. Keine zwei Meter von uns entfernt beobachteten uns große, neugierige Augen. Offenbar ein Männchen. Bei ihnen ist die typische Kegelform stark ausgeprägt. Außerdem haben Kegelrobbenbullen eine große lange Nase.

 

Unsere Flossen und Beine wurden vorsichtig von seiner Nase und seinem Maul abgetastet. Beim Anblick der großen Zähne und fünf messerscharfen Krallen an den Vorderflossen schoss deutlich mehr Adrenalin in unsere Körper. Wau, das sind wirklich Raubtiere, aber die Neugierde war offensichtlich nur spielerischer Natur. Schnell wechselte das Tier den Standort, stupste einen anderen Taucher, der in den Laminarien Ausschau hielt, in den Rücken oder kniff mal in eine Neopren-bezogene Wade. Obwohl sie uns von der Größe und Beweglichkeit weit überlegen sind, nähern sie sich meistens sehr vorsichtig von hinten. Unsere Zeit lief ab, die Hände wurden kalt und Werner‘s Finger konnte den Kameraauslöser kaum noch bedienen. Schade, aber um ein eindrucksvolles Erlebnis reicher.

Um eine solche Aktion sicher und erfolgreich durchführen zu können, haben sich die Schlickteufel im Vorfeld sehr intensiv mit der Robbentauchproblematik auseinander gesetzt. Vor zwei Jahren reisten bereits zwei Apnoetauchlehrer/Innen dazu nach Helgoland, um vorsichtig und behutsam die Schnorcheltauchmöglichkeiten zu untersuchen. Gespräche mit Meeresbiologen der Biologischen Anstalt Helgoland gehörten natürlich dazu. Aber je grösser die Truppe, desto komplexer ist die Vorbereitung und individuelle Sicherung, denn vor Ort wird vorsichtig in kleinen Gruppen und nur unter Betreuung erfahrener Apnoe-Ausbilder getaucht.
Natürlich hat die Insel noch mehr zu bieten, so dass eine dritte Reise schon wieder geplant ist für 2011.


Ein großes Dankeschön für die Gesamtorganisation noch einmal an Josef Tierock.

[Ein Kurzbericht von Werner Moritzen und Dr. Ulrich Wolf]

 

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