Sensationell: Forschungstaucher bergen ENIGMA-Chiffriermaschine

Unterwasser-Archäologe Florian Huber begutachtet die gefundene Enigma / Foto: Christian Howe / submaris

Sensationeller Fund in der Ostsee: Forschungstaucher bergen ENIGMA-Chiffriermaschine aus dem Zweiten Weltkrieg

Der Fund dieses tristen Novembertages war genauso unerwartet wie spektakulär: Eigentlich waren die Forschungstaucher der Kieler Firma Submaris im Auftrag des WWF in der Ostsee unterwegs, um Geisternetze[1] zu lokalisieren und zu bergen, als sie im trüben Grün der Ostsee plötzlich eine „Schreibmaschine“ entdeckten. Sie hatte sich in einem der Netze verheddert, das in der Geltinger Bucht am Meeresboden liegt. Unmittelbar nach der Bergung erkannte der Unterwasserarchäologe im Team von Submaris, Dr. Florian Huber, die historische Bedeutung dieses Fundes: Den Wissenschaftlern war doch tatsächlich eine ENIGMA buchstäblich ins Netz gegangen, eine komplexe Chiffriermaschine der Deutschen aus dem Zweiten Weltkrieg. Obwohl diese Maschinen in sehr hoher Stückzahl produziert wurden, sind sie heute extrem selten, nur wenige Exemplare gibt es in deutschen Museen. „Als Unterwasserarchäologe habe ich in den vergangenen 20 Jahren schon viele spannende und auch kuriose Funde gemacht. Dass wir aber einmal eine der legendären ENIGMA-Maschinen finden würden, hätte ich mir nicht träumen lassen. Diesen grauen Novembertag werde ich so schnell nicht vergessen. Der Fund ist sowohl geschichtlich als auch archäologisch extrem interessant“, so Huber.

So kam die ENIGMA in die Geltinger Bucht

In der Nacht vom 4. auf den 5. Mai 1945 war die Geltinger Bucht Schauplatz einer groß angelegten Selbstversenkungsaktion der deutschen Kriegsmarine. Gemäß „Regenbogen-Befehl” versenkten die Besatzungen von rund 50 U-Booten ihre Schiffe, um sie nicht an die Siegermächte übergeben zu müssen. „Wir vermuten, dass unsere ENIGMA im Zuge dieses Ereignisses über Bord gegangen ist“, sagt Huber. Die Vernichtung der Kryptomittel, also der Geräte, die zur Verschlüsselung geheimer Informationen und Daten dienten, wurde bei der Aufgabe oder Selbstversenkung eines Kriegsschiffs grundsätzlich zuerst angeordnet.

Insgesamt versanken am Ende des Zweiten Weltkriegs im Rahmen des „Regenbogen-Befehls“ über 200 U-Boote in Nord- und Ostsee, unter anderem vor Flensburg, Eckernförde, Cuxhaven, Bremerhaven und Wilhelmshaven. Zwischen 1948 und 1957 wurden die U-Boote vom Grund der Geltinger Bucht gehoben und anschließend verschrottet. Ob die gefundene Enigma aber tatsächlich von einem U-Boot stammt, oder von einem der vielen Kriegsschiffe, die ebenfalls in der Geltinger Bucht lagen, müssen künftige Untersuchungen zeigen. Denn eigentlich waren auf den deutschen U-Booten ab Februar 1942 nur noch M4-Modelle im Einsatz. Die geborgene Enigma aus der Ostsee ist aber eine M3, wie erste Röntgen- und CT-Aufnahmen zeigen.

ENIGMA

Das Wort „Enigma“ ist Griechisch und bedeutet Rätsel. Die gleichnamige Chiffriermaschine hat der deutsche Ingenieur Arthur Scherbius erfunden. Über die ENIGMA wurde während des Zweiten Weltkriegs der größte Teil der Funksprüche der deutschen Wehrmacht und Marine vor dem Absenden verschlüsselt und nach dem Empfang wieder entschlüsselt. Dabei konnte die Nachricht nur dekodiert werden, wenn der Empfänger alle Einstellungen der Sende-ENIGMA kannte. Auf diese Weise war es möglich, mit einer zweiten ENIGMA die Verschlüsselung rückgängig zu machen und den Klartext zu lesen.

Das Gerät bestand im Wesentlichen aus einer Tastatur, einem Walzensatz mit drei oder vier austauschbaren Walzen sowie aus einem beleuchteten Buchstabenfeld. Rotor-Chiffriermaschinen wie die ENIGMA funktionierten mittels komplexer mechanischer oder elektromechanischer Technik. Dennoch gelang es der Britischen Chiffrierstelle in Bletchley Park in der Nähe von London immer wieder, die chiffrierten deutschen Funksprüche trotz technischer Raffinessen zu entschlüsseln. Maßgeblich daran beteiligt war der britische Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing.

„Natürlich habe ich den Fund sofort beim Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein gemeldet“, sagt Florian Huber. Der Unterwasserfund und der Fundort sind ein spezieller Teil der Geschichte Schleswig-Holsteins. Aufgrund seiner zeitgeschichtlichen Bedeutung kann er sogar als nationales Kulturgut angesehen werden. Die ENIGMA aus der Geltinger Bucht kommt nun in die Restaurierungswerkstatt des Museums für Archäologie nach Schloss Gottorf in Schleswig. Dort soll sie weiter untersucht und konserviert werden.

Der Unterwasser-Archäologe Florian Huber begutachtet die gefundene Enigma / Foto: Christian Howe / submaris

Der Unterwasser-Archäologe Florian Huber begutachtet die gefundene Enigma / Foto: Christian Howe / submaris

 

Die Forschungstaucher Christian Howe, Florian Huber (Mitte) und Uli Kunz kurz nach der Bergung / Foto: Uli Kunz / submaris

Die Forschungstaucher Christian Howe, Florian Huber (Mitte) und Uli Kunz kurz nach der Bergung / Foto: Uli Kunz / submaris

 

Für weitere Informationen, Interviewanfragen, Bilder sowie ein Video der Bergung wenden Sie sich bitte an:
Dr. rer. nat. Florian Huber  /  Mobil: 0151-56909982  /  www.submaris.com / www.florian-huber.info

[1] Geisternetze sind herrenlose Fischernetze, die immer weiter durchs Meer treiben und so eine Gefahr für Meeresbewohner darstellen. Sie fischen unendlich weiter und tragen zudem zur Mikroplastik-Belastung der Meere bei. Submaris arbeitet seit drei Jahren für den WWF, entwickelt Methoden, um Geisternetze per Side-Scan-Sonar zu lokalisieren und birgt die gefundenen Netze ab. Mehr dazu unter: www.wwf.de

Wer das spannend findet, kann sich auf den nächsten VDSTsporttaucher freuen.
Dort bringen wir ein Interview mit Florian Huber über „Fundsachen im Meer oder Unterschied zwischen Souvenirjägern und Wissenschaftlern”.

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